dynamisch

"Städte lassen sich an ihrem Gang erkennen, wie Menschen." [R. Musil]

transitiv

"Wenn man nicht feste, ruhige Linien am Horizont hat, so wird der innerste Wille selbst unruhig." [Nietzsche]

laut

"In einer Stadt lebt man zu seiner Unterhaltung." [O. Wilde]

berauschend

"In die Städte kam ich zu der Zeit der Unordnung." [B. Brecht]

lebendig

"Fragend, findet man die Stadt."

7.8.14

40 - B.da

Rolltreppe - Bild zum Gedicht Titel: 40 von Benjamin Damm

40
Bus, Zug, Bahn.
Rasende Häuser, gekrümmte Landschaften, schlafende Felder.
Brücken, Tunnel, Graffiti, Tageslicht,
ein Gähnen, zu helles Licht,
ein Nachtrauern an die Wärme des Bettes.
Hochhäuser, Autos, ein Mensch, wieder einer und so weiter.
Bahnhöfe,
der Geruch von Kaffee oder Alkohol,
ein Lächeln,
ein schönes Gesicht, ein schlafendes.
Rolltreppe, Fahrtwind, Durchsagen, abschweifen.
Stehen oder sitzen?
Warten...Aufstehen!
(Einfach liegenbleiben), anstellen, mitlaufen.
Tür auf,
Tür zu, Neonlicht,
hinsetzen,
arbeiten.

B.da

2.7.14

Der Spät-Expressionist Wolfgang Borchert

Borcherts Zeit

Wolfgang Borchert ist sowas wie ein Sonderfall, wenn man mich fragt. Er gehört zu den wenigen Autoren neben Gottfried Benn, die dem Expressionismus auf eine Art treu geblieben sind. Während für viele Autoren der Expressionismus "überwunden" wurde, spätestens mit der Machtübernahme des Nationalsozialismus, der eine Repression der alten Kunstformen einleitete. Nach dem zweiten Weltkrieg schien vielen wie gewöhnlich in der Kunst viele Ausdrucksformen nicht mehr angemessen. Solche Tendenzen hat es bereits bei der Entwicklung des Expressionismus nach dem Ersten Weltkrieg gegeben. Doch seltsamerweise gingen diese Bestrebungen nun in eine ganz neue Richtung. Was im Expressionismus noch die Explosion war, die Überforderung der Sinne, das Überdrehte und Abtrünnige, wurde in der Neuen Sachlichkeit - der beherrschenden Kunstform nach dem zweiten Weltkrieg - ins Gegenteil verkehrt. Anscheinend hat man erkannt, dass der Jammer über das Elend, die Verzerrung der Welt keinen neuen Sinn für die Leser und Literaten mehr erkennen ließ. Die Neue Sachlichkeit wirkt in ihrer Ästhetik zurückhaltender. Statt laut aufzuschreien, wie es noch der Expressionismus tat, ist man ganz ruhig und objektiv, und zwar derart, dass es fast schon wieder eine Übertreibung ist. Der Mensch wird völlig objektiviert, instrumentalisiert und materialisiert. Er ist nicht mehr als ein Inventar des Lebens.
Programmatisch ist hier das Gedicht Inventur von Günter Eich. Es beschreibt in einer sehr trockenen Sprache die Dinge, die dem Menschen der Nachkriegszeit als Besitz geblieben sind. Im Fall des lyrischen Ichs sind es nicht mehr Dinge als Anziehsachen, Rasierzeug und ein Stift. Besitztümer, die banaler und ärmlicher nicht sein können. So steht bei vielen Künstlern der Neuen Sachlichkeit die Frage im Raum: "Was ist dem Menschen der Nachkriegszeit geblieben, außer dem Sein selbst?"
In diesem Interieur bewegte sich ebenso der Schriftsteller Borchert. Eine solche Tendenz ist ebenso in seinen Texten herauszulesen. Doch mit dem Expressionismus hat er nicht abgeschlossen. Geschichte wiederholt sich, sagt man immer. Und so steht die Menschheit nach 27 Jahren wieder vor einem Haufen Scherben, den es aufzulesen gilt. Doch was lässt sich daraus überhaupt noch zusammensetzen?

Der Fall Borchert


Im Fall Borchert erinnere ich mich dabei gern an eine Kurzgeschichte - von denen er so viele in diesem Stil geschrieben hat - die sowohl die Denke der Neuen Sachlichkeit und den Expressionismus zum Ausdruck bringt. Und das obwohl diese beiden Stilrichtungen in ihrer Formsprache doch so unterschiedlich, geradezu gegensätzlich erscheinen. Die Kurzgeschichte Die Stadt beschreibt die Heimkehr eines Kriegsveteranen, eines abgehalfterten Soldaten, der ähnlich wie in Inventur nicht mehr als seine Handvoll Leben besitzt. Er sucht nach seinem Zuhause, das nicht mehr da ist. Die Heimkehrer sind das zentrale Thema Borcherts Literatur. Er ist einer der Literaten, der eine Literatur geprägt hat, die man als Trümmerliteratur bezeichnet.

Heimkehrer-Literatur


Konkret möchte ich hier auf den eben erwähnten Text eingehen. Der Heimkehrer in Die Stadt ist auf dem Weg nach Hamburg. Wie ein verirrter folgt er den Schienen die sich silbern auf das Helle zubewegen. Und das Helle, das ist die Stadt Hamburg, seine ehemalige Heimat. Wie viele Heimkehrer weiß der Erzähler nicht was ihn erwartet, was von seiner Heimat, die er einst kannte noch existiert. Entlang dieser Schienen beschreibt Borchert die Eindrücke des "Nächtlichen", die stark an die Sprache des Expressionismus angelehnt sind, aber dennoch in einer ruhigen und gesetzten Art und Weise, die an die Neue Sachlichkeit erinnert. Die Person wird dabei durchweg als "der Nächtliche" bezeichnet, ein Mensch ohne Charakter, ohne menschliche Züge, er wird instrumentalisiert, denn er ist durch nichts anderes als die Nacht gekennzeichnet, die ihn umgibt und zum "Nächtlichen" werden lässt.

Der fragende Borchert & Brecht?


Die Frage, die Borchert uns den Lesern aufwirft ist eine, die uns viele Literaten in verschiedenen Kontexten fragen: "Wohin gehen wir?" Nur dass die Sache bei Borchert nochmals eine andere ist, denn "Wohin gehen wir, wenn wir gar kein zu Hause haben?" Ein wenig erinnert mich die Literatur Borcherts dabei an ein vielleicht porgrammatisches Gedicht, dass Brecht seinerzeit schrieb. Es nennt sich der Radwechsel. Da ich als Blogger selbstverständlich gezwungen bin auch das geistige Eigentum von Verstorbenen zu achten (Gott hab den Heiden Brecht seelig), muss an dieser Stelle der Verweis auf dieses Gedicht genügen. Zusammenfassend geht es um einen Reisenden, dessen Reifen am Auto gewechselt wird. Und obwohl er von einem Ort kommt, an dem er nicht gern ist und an einen Ort weiterfahren wird, an dem er nicht gern sein wird, beobachtet er den Radwechsel mit Ungeduld. Genauso mag es dem jungen Borchert ergangen sein, als er aus dem Krieg zurückkehrte. Doch gewinnt diese Frage nach dem allgemeinen Sinn in diesen Jahren nochmals eine neue Facette der Aktualität. Beeindruckend war in diesem Zusammenhang das Drama "Draußen vor der Tür", das in diesem Sinne alle Möglichkeiten des Ausgeliefertseins an diese Umstände durchspielt. Und wieder klingt ein wenig brechtsche Sozialkritik an, nur ohne den scharfen Ton, den Brecht zuweilen besitzt. Sagen wir er ähnelt dem Brecht, der das Gedicht vom Radwechsel schrieb, dem späten Brecht, der in späteren Jahren etwas ruhiger geworden ist. Doch auch im Drama Borcherts klingen teilweise sehr raue Beschuldigungen an, die ein wenig stereotyp, aus dem Repertoire heimkehrender Soldaten stammen, aber dennoch an ihrer Schärfe nichts verloren haben.

13.3.14

Videodrome (1983) - David Cronenberg

VHS-Cyberpunk?

Röhren-TV, VHS, Camcorder, Kassettenrekorder. Wer muss dabei nicht irgendwie an die 80er Jahre denken? Dieses Jahrzehnt und seine Kultur lebte von diesen neuen Medien. Da liegt es nahe, dass man sich reichlich Gedanken darum gemacht hat. Wohin führt uns diese neue Medium? Gut, im Angesicht heutiger Entwicklungen wie dem Internet 1.0, 2.0, 3.0 usw. mag diese Frage banal erscheinen, aber auch damals war dies eine einschneidende Veränderung. Eine ganze Generation von MTV-Kindern wurde hervorgebracht, wie man damals schimpfte. Video killed the radio star! In diesen Kontext kann man den Film Videodrome ansatzweise einstufen. Dieses verstörende Machwerk eines Kanadiers, einem Kind der 80er. Videodrome ist eine Art Thriller, ein wenig Cyberpunk, aber ohne Computer, Hacker und Nerds. David Cronenberg bedient sich hier nur dem technischen Inventar des TV. Ein faszinierender Gedanke. Es stellen sich Fragen über Medien allgemein. Was transportieren sie? Welchen Einfluss gewinnen sie?

Die Welt von Videodrome

Mitten in den 80er Jahren lebt Max Renn, der Besitzer eines kleinen eigenen TV-Senders. Max Renn vertreibt in seinem Nischenkanal Material, das nur auf bestimmte Interessengruppen abzielt. Hauptsächlich pornographisches und Gewalt. Hierfür recherchiert er ständig nach neuen noch schockenderen Inhalten. Tatsächlich hat während der 80er Jahre eine Lockerung der Moral über Medien stattgefunden. Man bekam im TV zunehmend alles zu sehen. Und die Erfindung des Kasettenrecorders, sowie die wachsende Erschwinglichkeit von TV-Technik, machten es vielen Hobby-Filmern möglich, ihre Materialen unter die Leute zu bringen.

Pornografie, Gewalt … Snuff

Bei seiner Suche stößt er eines Tages auf unaussprechliches. Filme, von deren Ausmaß an Gewalt er überwältigt ist. Diese Szenen werden über eine Piratenfreuqenz ausgestrahlt. Er ist fasziniert und möchte herausfinden, woher dieses Material kommt und wie er es auf seinem Kanal senden kann. Den einen oder anderen mögen diese Inhalte an den Film 8mm mit Nicolas Cage erinnern, indem solche Gewaltstreifen ebenfalls Mittelpunkt der Handlung sind.

Medien und Wirklichkeitsentzug

Mit der Entdeckung von Videodrome beginnt Max Renn zu halluzinieren. Diese Szenen sind stilbildend für den gesamten Film. Das Bild im TV scheint sich der 2-dimensionalen Darstellung zu entheben und beginnt körperlich zu werden. Max Renn ist wie magisch von diesen Erscheinungen angezogen, er träumt sich immer mehr in einen Rausch aus Gewalt und Unwirklichkeit. Dabei ist auch dem Zuschauer nicht mehr klar, wo die Grenzen liegen. Erotik und sexueller Exzess scheinen Hand in Hand mit Gewalt zu gehen. Jedenfalls fühlt sich Renn davon stark angezogen. In seinen Visionen begegnet ihm ein Mann, es handelt sich um den Medienwissenschaftler Brian O´Blivion. Ihn kann er allerdings ausschließlich über den TV wahrnehmen und empfangen. Dabei ist auch hier nicht klar, ob dieser schon Teil der Welt von Videodrome, d.h. den Halluzinationen Renns ist. Es wird zunehmend klar, dass Brian O´Blivion längst tot ist, aber über das Videodrome-Signal mit Renn kommunizieren kann. Was für das Medien TV, nach dem Prinzip des bloßen “Empfangens” unmöglich ist.

Medienkritik und Verschwörung

Max Renn wird klar, dass er das Opfer einer Firma geworden ist, die mit Videodrome im Stande ist, die Menschen zu manipulieren. Nicht die Gewalt ist der Auslöser dafür, sondern ein subversives Signal, das einen Tumor im Gehirn des Rezipienten wachsen lässt. Es soll sich hierbei nicht um eine Krankheit handeln, sondern um die Herausbildung einer parallelen von Medien induzierten Welt. Die Menschen, die in der Lage sind diese wahrzunehmen, gehören zum “Neuen Fleisch”. Bezeichnend ist auch, dass Betroffene diese Wahrnehmung als eine Verbesserung ansehen. Teil einer neuen Spezies sozusagen.

TV kills!

Nicht nur das Entstehen eines gewaltinteressierten Publikums zeigt Cronenberg in Videodrome. Er zeigt in überzeichneter Weise den vernichtenden Einfluss von Medien, speziell des Fernsehens. Dabei entsteht in zweierlei Weise eine kritische Darstellung, zum einen werden Medien an sich kritisiert, zum anderen deren Konsument. Denn klar ist, ohne Konsumenten kein Angebot. Cronenberg zeigt aber ebenso in perfider Weise die Macht der Konzerne und die Ohnmacht des Konsumenten. Er wird nicht nur TV-süchtig, sondern regelrecht infiltriert. Welchen beängstigenden Stellenwert das Medium TV eingenommen hat, wird durch die Körperlichkeit klar. Max halluziniert atmende Videokassetten, sprechende Geräte und fühlt sich davon in hypnotisierender Weise hingezogen. Das Monster TV ist zum Lebewesen geworden, dass den Menschen auffrisst. Für Brian ist das TV mehr als ein reines Medium, er bezeichnet es als die zweite Netzhaut des Menschen, sozusagen ein erweiterter Sinn.

Zitat: “Alles was das Fernsehen zeigt sind neue Erfahrungen. Deswegen ist Fernsehen Realität. Realität ist nichts ohne Fernsehen.“

Aktualität des Films

Angesichts heutiger Entwicklungen mag Videodrome mit seiner TV-Welt altbacken erscheinen. Was ist heute die Macht des Fernsehens gegen die des Internets? Beängstigend ist vielleicht, dass die Macht dieses Medium viel weiter reicht, als zu seiner Zeit das TV. Wer weiß, was Cronenberg heute drehen würde, würde er sich medienkritisch mit dem Internet auseinandersetzen. Trotz der 80er-Jahre Retro-Medienkritik ist das Thema hochaktuell. Es geht im speziellen nicht um das TV an sich, sondern um die ungefragte Bereitschaft des Menschen, einfach alles zu konsumieren, ohne Rückfragen und schließlich zu antizipieren. Das bedeutet das Medium formt den Menschen, gibt dabei vor ihn zu imitieren und vereinnahmt ihn. Sicherlich eine sehr krasse Darstellung in abstrakter horror-artiger Manier. Schließlich ist die Botschaft, die Cronenbergs Film selbst transportiert möglicherweise selbst so subtil, wie das Videodrome-Signal um das es geht. Und das macht den Film sehenswert.

Info
Originaltitel Videodrome
dt. Titel Videodrome
Genre Science-Fiction-Thriller
Jahr 1983
Regie David Cronenberg
Stile Cyberpunk
Surrealismus
ähnliche Filme Eraserhead
Brazil
Dark City
IMDB Rating: 7,3/10
MetaScore: 60/100
Trailer #1 English
#2 English

20.7.13

13th Floor (1999) - Josef Rusnak

Was ist die Wirklichkeit?

"Ego cogito ergo sum", heißt es in einer alten Weisheit der Philosophie nach René Descartes. Es bedeutet wir existieren, weil wir Denken, Handeln, Tun. Es geht also wie so oft in der Philosophie um die Frage des Seins. Was ist die Wirklichkeit? Warum existiere ich und wieso? Und so weiter... Der Mensch lebt demnach in dem Glauben, alles was er wahrnimmt und reflektieren kann sei wirklich. Das mag auch weitestgehend richtig sein. Hinter diesem Gedanken liegt auch die Möglichkeit, dass jeder seine eigene Vorstellung der Wirklichkeit hat. Damit wird jedoch nicht an einer allgemeinen Form der Wirklichkeit und Existenz gezweifelt. Weiter heißt es bei Descartes:

„Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder phantasiert, selber nicht mehr zweifeln.“

Das heißt im Klartext, was auch immer ich aus meiner Position wahrnehme, der Beweis der Wirklichkeit bin doch immer noch ich, der diese Wahrnehmungen anstellt.

Die Wirklichkeit als Scheinwelt

Doch es gibt Denkansätze die einen solchen Erklärungsansatz in Frage stellen. Zumindest die persönliche Vorstellung der Wirklichkeit. Man denke hier an das Höhlengleichnis von Platon, das ich im Zusammenhang des Filmes Die Matrix schon mal erwähnt hatte. Hier leben Menschen in einer Welt, in der sie denken, handeln, ohne, dass diese in dem Sinne wirklich ist. Es ist eine Scheinwelt, aber dennoch existieren die Menschen darin wirklich. Um konkret über die Matrix zu sprechen: Neo ist Teil dieser Scheinwelt, ihm gelingt es sie zu hinterfragen und zu durchschauen. Er entdeckt, dass er wirklich ist, aber wohl die Welt um ihn herum eine falsche darstellt. Soweit so gut. Denn dieser Ansatz ist an dieser Stelle durch Descartes vertretbar.

The 13th Floor und oder die Matrix?

Im Film der 13.Flur (The 13th Floor) wird ein weitaus radikalerer Ansatz verfolgt. Und das, obwohl beide Filme sich einer Vorlage bedient haben, die sie dadurch auch in ihrer Geschichte ähnlich erscheinen lassen. Beide Filme bedienen sich beim Inventar von Gibsons Neuromancer und auch beim Science-Fiction Roman Simulacron-3. Der kleine aber feine Unterschied liegt hier aber in der Auslegung, wenn ich nochmal Descartes erwähnen darf. Im Roman Simulacron-3 geht es um eine Welt, die von Computern simuliert wird, in denen Menschen leben. In diesem Sinne ist diese Welt nicht wirklich. Wie auch in der Matrix. Doch in der Stadt von Simulacron-3, die durch ein System simuliert wird, sind nicht einmal die Menschen an sich wirklich. Sie sind die Einheiten in diesem System, das ebenso virtuell wie unwirklich ist.

Die Welt des 13th Floor

Der Programmierer Hannon Fuller hat eine lebensechte Simulation der Stadt Los Angeles aus dem Jahr 1937 nach dem Vorbild seiner Kindheitserinnerungen entwickelt. Die "Einheiten", die in dieser Simulation leben, wissen nichts von der Existenz dieser Simulation. Sie halten das eigene Leben, die Scheinwelt, für wirklich. Zu Beginn des Films wird diese Hauptfigur Fuller ermordet. Denn sie hat ein Geheimnis entdeckt. Und sein Partner aus der Firma, Douglas, macht sich auf den Weg es herauszufinden. Fuller hat ihm einen Brief in der Simulation hinterlassen. Auf der Suche in der Simulation, finden allmählich auch die Menschen im simulierten Los Angeles heraus, dass ihre Welt nicht echt ist. Denn wenn man an das Ende der Stadt Los Angeles reist, offenbart sich, dass die Simulation hier endet. Man sieht eine Matrix aus dreidimensionalen Modellen und Strukturen, die sich irgendwo im Nichts auflösen. Hier offenbart sich nun auch endgültig der Sinn des Filmtitels. Die Server der Simulation befinden sich im dreizehnten Stock eines Gebäudes. Die Welt in dieses Servern existiert genau genommen nicht. Im kulturellen Verständnis, oder besser gesagt im Aberglauben der Amerikaner, ist die Zahl 13 mit ihrem Unheil und ihrer Mystik so allgegenwärtig, dass die meisten Gebäude keinen 13. Stock besitzen. Wie auch viele Airlines keinen Sitz Nummer 13 haben. Damit ist der 13.Stock eine Art Nicht-Ort, wenn man so will. Das Interessante am Film offenbart sich aber an dieser Stelle erst noch. Die "Anleitung" das Ende der Welt und der Existenz zu entdecken funktioniert nämlich ebenso in der Welt, die über der simulierten existiert. Das heißt die vermeintliche Wirklichkeit. Douglas entdeckt, dass auch die eigene Welt eine Simulation ist, und das war das Geheimnis, das Fuller herausgefunden hatte.

Das Sein in der Unwirklichkeit der Matrix

Das Erstaunliche sind die Menschen in der Simulation, die Herausfinden, dass sie keine Menschen sind. Die Simulation scheint so perfekt zu sein, dass die Einheiten ebenso mit dem Wunsch nach Leben, einem regelrechten Vitalismus ausgestattet sind. Selbst als der Detective Larry McBain erfährt, dass er in einer Simulation lebt, ist sein Drang zu leben dennoch ungebrochen. Aber wie kann man in einer Welt existieren, von der man weiß, dass sie alles andere als wirklich ist und theoretisch mit einem Zug am Stromstecker aufgelöst werden kann? Die Welt über der Simulation wird damit zu einer gottgleichen Instanz der Schöpfung, die über Leben und Tod der Einheiten entscheiden kann. Na wenn das nicht der absolute Nihilismus des Seins ist! Alles ist sinnlos, nichts existiert und dennoch sind alle Einheiten Individuen mit denselben Ansprüchen, Reflexionen und Ängsten eines echten Menschen. Wenn man denn in diesem Zusammenhang überhaupt von echt sprechen kann. Es ist sogar so, dass die Einheiten der Welt so intelligent waren, eine eigene Simulation zu erschaffen.

Der Film hat ein Happy End, denn irgendwie gelingt es der simulierten Persönlichkeit von Douglas in die Realität zu kommen und dort seine Erfüllung in der Liebe zu einer Frau zu finden, die sich absurderweise in die simulierte Persönlichkeit von Douglas verliebt hat. Das reale Ich seines Körpers aber verachtet. Es findet hier sozusagen ein Switch der beiden Persönlkchkeiten statt. Damit liegen die Realität und die Simulation in einer engeren Verbindung zueinander, als man erwarten mag. Für den Zuschauer wird der Ausblick geschaffen, sich über das Sein und die Wirklichkeit Gedanken zu machen. Und das nicht in der Frage: "Lebe ich auch in der Matrix", sondern dahingehend, was wir selbst als wirklich erachten. Damit schließt sich wieder der Kreis zu Descarte. Ist etwas wirklich, nur weil ich in der Lage bin darüber zu reflektieren? Die Antwort lautet unbedingt! So wie für einen Wahnsinnigen seine Welt wirklich ist. Wir sind alle Teil einer Wirklichkeit, die von der Vorstellung jedes Einzelnen derselben existiert. Es gibt nicht "die wahre Wirklichkeit". Denn an dem Versuch diese zu Erkennen, beziehungsweise überhaupt kontrollierbar zu machen, sind schon viele Menschen gescheitert. Denn nicht selten offenbaren sich Zusammenhänge, die einem so unwirklich erscheinen, obwohl sie dennoch immer allgegenwärtig wahren, man sie aber aus der eigenen Welt heraus einfach nicht sehen konnte. Eine Sinnkrise zeichnet sich ab.

Verfilmung von Simulacron-3

Wie erwähnt bedienen sich die Filme Matrix und 13th Floor bei der Romanvorlage. Aber der Film 13th Floor ist in dem Sinne nichts neues. Es ist ein Remake eines alten Films des Prä-Cyberpunks der 60er Jahre von Rainer Werner Fassbinder. Vielleicht bekommt man ja nun auch Lust, sich in die ersten Jahre des Cyberpunks zu begeben. Interessant sind die alten Schinken der Science-Fiction allemal. Sie sind wie eine Zeitreise in das Inventar ihrer Zeit und in die Welt, die die damaligen Menschen für wirklich bzw. unwirklich hielten.

Info
Originaltitel The Thirteenth Floor
dt. Titel The 13th Floor – Bist du was du denkst? /
Abwärts in die Zukunft
Genre Science-Fiction-Thriller
Jahr 1999
Regie Josef Rusnak
Vorlage Simulacron-3
Stile Cyberpunk
ähnliche Filme Welt am Draht
Matrix
Tron
Neuromancer (Buch)

13.6.13

Walter Rheiner - der vergessene Dichter


Im Sommer 2012 besuchte ich im Rahmen meines Studiums einen Schreibkurs zu Biografien. Wir haben dies und das besprochen und der Kurs sollte mit einem kleinen biographischen Ausschnitt abschließen. Im Vorfeld war ich mit einem Dichter namens Walter Rheiner in Kontakt gekommen, der mir durch seine Novelle Kokain aufgefallen war. Diese Geschichte war dermaßen eindringlich und emotional erzählt, dass ich mir dachte, ein solches Schicksal kann man nur aus eigenen Erfahrungen derart schildern. Ich lag nicht falsch mit meiner Annahme, sodass ich beginn mich mehr und mehr mit dem Autor selbst zu beschäftigen. Ich muss allerdings darauf hinweisen, dass derartige Rückschlüsse von Texten auf den Autor nicht immer vertretbar sind. In diesem Fall aber, bekam ich es mit einer außerordentlich interessanten Persönlichkeit zu tun.
Nun zum Titel meines Posts:

Kurzbiografie Walter Rheiner

Ein junger Mann, gerade einmal 30 Jahre alt, entschließt sich am 12.Juni 1925 seinem Leben ein Ende zu setzen. Nachdem er an diesem so oft gescheitert ist. Am Ende seines kurzen Lebens steht eine zerrissene Liebe und Familie, eine Sucht und der Wahnsinn. Verkannt, unerhört, missverstanden und hilflos. Das ist das traurige Resümee, das Walter kurz vor seinem Ende in folgenden Zeilen zusammenfasst:
„Komm, holder Schnee! Verschütte dies schwere Herz! Mit deiner Gnade zaubre die Träne starr, so aus der ewigen Quelle rinnet, täglich geboren, geliebt noch immer. O gib, daß mir aus dieser verlorenen Qual, der bittern, werde das große, das ernste Grab, darin ich mich zur Ruhe finde: weinende, liebend erlöste Seele.“
Diese Zeilen sind das Ende eines Werkes, das unvollendet blieb. Er schrieb sie, bevor er sich eine Überdosis Morphium in einem Viertel in Berlin verabreichte. Die Welt nahm davon keine Notiz. Ein solcher Selbstmord eines Süchtigen war im Berlin der 20er Jahre keine Seltenheit. Nahezu jeder kämpfte um sein Überleben in diesen Jahren. Die wirtschaftliche Lage drängte viele Menschen in die finanzielle Enge, in Existenznöte. Der Krieg fraß sich nach wie vor durch das Leben und die Köpfe der Menschen. Auch Walter hatte stets mit existenziellen Nöten zu kämpfen. Seine Tätigkeit als Dichter ward in den Wirren dieser Jahre kaum wahrgenommen. Obschon ihn viele seiner Kollegen für einen großartigen und talentierten Geist hielten. Sogar Theodor Däubler habe er beeindruckt. Conrad Felixmüller, Maler und einer der engeren Freunde Walters, war von der Nachricht seines Todes tief erschüttert. Es ist sein Gemälde, in dem er den Stil der vergangenen Jahre des Expressionismus erneut aufgreift, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Es ist jenes Bild, das vielleicht Rheiner unsterblich machte, mehr noch als sein eigenes Werk.
Es zeigt den Dichter im Moment seines letzten Atemzuges auf dieser Welt. Die Großstadt als Symbol seiner literarischen Manie im Hintergrund abgebildet. Sein Gesicht verzerrt vom Schmerz der Welt und in der Hand das Werkzeug seines Selbstmordes: Eine Morphiumspritze.

Die Generation Rheiners

Das Schicksal Rheiners ist eines von vielen, das die Zeit zeichnete. Das Lesen seiner Gedichte und Prosa ist wie eine stille Anteilname, sie zeugt durchweg von der Zerrissenheit dieser Jahre. Denn der erste Weltkrieg leitete in Deutschland eine neue Zeit ein. Eine Zeit deren Ausmaß vielen Menschen zu Beginn des Krieges kaum bewusst war. Die letzten Kriege fanden unter der französischen Herrschaft Napoleons statt. Damit war die Grausamkeit aus vielen Gedächtnissen verschwunden. Um die Jahrhundertwende galt eine allgemeine Aufbruchstimmung. Angetrieben durch die Instustrialisierung und Technisierung glaubten die Menschen auf der Überholspur zu fahren. Man muss sich vorstellen, einige Jahre zuvor fuhr man noch mit Pferdekutschen durch die Berliner Straßen, darauf folgte der Bau der Tram durch Berlin und die Elektrifizierung der ganzen Stadt. Die Menschheit glaubte an der Schwelle zu etwas Großem zu stehen, einer Veränderung zur Überwindung der festgefahrenen Strukturen. An einem Punkt, an dem es nur einen Weg gab: Hinaus aus den konservativ-bürgerlichen Gesellschaftsverhältnissen hin zu einem Leben, das echt ist, und frei erkämpft. Alles Neue übte eine Unglaubliche Anziehungskraft aus, der Geist der Moderne ist die grenzenlose Bejahung all dessen was unbekannt neu und fortschrittlich ist. Danach strebte man bis hin zur Selbstaufgabe. Die Industrialisierung und Technisierung hatte selbst den Kleinbürger und den Arbeiter erfasst. Wie berauscht vom Wind der Zukunft glaubte man sich immer wieder übertreffen zu müssen, sei es in der Technik, der Wissenschaft, in den sozialen Entwicklungen oder in der Kunst. Daher strebten nicht selten vor allem die Künstler nach den Wegen des Außergewöhnlichen, nach Großen Taten, abseits von rationalem Handeln. Kurzum: Es machte sich ein Gefühl, ein Pathos breit, dass nach Veränderungen strebte und bereit war hierfür über Leichen zu gehen. Aus dieser Haltung heraus folgte eine der größten Erschütterungen der Menschheit, die unglaubliche Folgen nach sich führte: Der 1.Weltkrieg. So groß die Kriegsbegeisterung dieser Tage auch gewesen sein mag, so gab es doch auch Menschen, die nicht vollständig dieser Hysterie unterlagen, auch wenn diese eindeutigen Antikriegsstimmen im Toben der aufgebrachten Menge verhallten. Unter Ihnen befand sich auch der Dichter Walther Rheiner, der wie viele Künstler nie ein politischer Akteur gewesen war. Doch diese Ereignisse sollten niemanden unberührt lassen. Das was den Expressionismus zu dem Macht, was er aus heutiger Sicht darstellt, wurde in den Schrecken des ersten Weltkrieges geboren: Die Kunstform einer überhitzten Gesellschaft, die einem hemmungslosen Selbstzerstörungstrieb nachgeht. Es gab wohl nicht viele Wege sich dem Werdegang des Soldaten als fronttauglicher Mann zu entziehen. Und die, die nicht mutig genug waren, sich an der Front selbst kriegsuntauglich zu machen ohne dabei verurteilt zu werden, sahen sich gezwungen andere Wege zu finden. Walter Rheiner entschied sich für eine Möglichkeit, die sein ganzes späteres Leben eingehend bestimmen sollte: KOKAIN.

Walter Rheiner und der Krieg

Dennoch machte auch Rheiner einige Erfahrungen an der Kriegsfront, die ihn wahrscheinlich in diesem Ausweg bestätigten. Nicht jeder bejahte den Krieg, vor allem nicht die, die ihn selbst erlebt hatten. Denn der Fortschritt der Industrialisierung zeigte sich vor allem auf dem Schlachtfeld. Neuartige Waffen, flächendenkende Zerstörung, Giftgas und Tod. Diese Erfahrung ist ausnahmslos an keinem Dichter dieser Jahre spurlos vorbeigegangen. Es werden Stimmen laut, die den Untergang der Welt verkünden, unter dem Bombenhagel, der auf sie niederregnet. Und auch Rheiner schreibt einen kleinen Prosatext, ganz in expressionistischer Manier, der den Schrecken des Krieges festhält. Aber Rheiner bedient sich hier einer nüchternen und dennoch ausdrucksstarken Sprache, die das Beschriebene nur noch anschaulicher machen. Diese „Drei Fragmente aus einer Kriegsnovelle“ lassen erahnen wie viel autobiographisches Material in ihm steckt. Hier ist von feurigen Bändern die Rede, die den Atem der Menschen zuschnüren, von Leichenduft und verhallenden Befehlen der Offiziere unterm brennenden Himmel. Man kann sagen, dass diese Erfahrungen den Dichter nachhaltig beeinflusst haben. Wenn er auch nicht in vielen seiner Texte den Krieg zitiert, so merkt man ihm und allgemein dem Zeitgeist diese verstörende Komponente an. Rheiner sucht Schutz vom Krieg. Er flieht nach Berlin, was seine zweite Sucht ausmachen wird: Die Großstadt.

Drogensucht

Für ihn begann die Entscheidung gegen den Krieg, mit einer für eine Droge an dem auch viele weitere Größen der Kunst und Wissenschaft ihre Seele verlieren sollten (Beispiel Freud). Im Falle Rheiners kann man jedoch vielmehr von einer Entwicklung sprechen, die ihn zu dem machte, was seinen Nachlass ausmacht. „Sie“ gab ihm die Gedanken, die er in seinen Texten verfestigte. Sie war seine Triebfeder, die schließlich, den bedeutendsten Text seines Oevres ermöglichte. Und so wiedersinnig es klingen mag, möglichweise wäre aus ihm ohne diese Erfahrungen nie ein echter Dichter des frühen 20.Jahrhunderts geworden. Doch so sehr seine Kunst möglichweise zumindest zeitweise von diesen Erfahrungen zu profitieren scheint, so bitter scheiterte er am Leben selbst. In häufiger Armut lebend, zeugen auch seine zahlreichen Bittschriften und Briefe aus dem Nachlass von einem existenzbedrohten Dichter. Sogar an Walther Rathenau richtet er Bitten um etwas Geld zum Lebensunterhalt. Dort heißt es: „…gewähren Sie mir als einem jungen Berliner Dichter und Schriftsteller mit Familie (Frau und 2 Kindern) … Unterstützung … in größter wirtschaftlicher Bedrängnis.“ Seine Geldprobleme ziehen sich durch das gesamte Leben Rheiners.

Zerbrechen sozialer Beziehungen

Seine Frau Friedericke Olle, die er im Februar 1918 in Berlin heiratet, scheint sehr betroffen vom Schicksal ihres Mannes. Liebt ihn bis zuletzt mehr aus Mitleid. Die Anklagen ihrerseits am Lebenswandel Rheiners werden immer lauter: „Ich will dich nicht im geringsten kränken, aber wenn Du in Zukunft nicht wichtigere Werke schaffen würdest, so hätte ich zu viel von dir gehalten.“ Dieser Brief 1920 an Walter Rheiner-Schnorrenberg gerichtet, zeugt von der tiefen Kluft, die Rheiner in die Beziehung beider gerissen hat. Es ist ein harter Ton, ein anklagender. In den Jahren zuvor scheint sie noch ebenso zu leiden, unter der Sucht, die ihn plagt, unter seinem Misserfolg. Die Briefe dieser Zeit sind emotional, angespannt. In einem Tagebucheintrag schreibt „Fo“, wie Rheiner seine Frau liebevoll nennt: „… er sah eben so blaß aus und als er heute Abend nach Hause kam, fieberte er sogar, aber nicht allein vor Kummer, sicher ganz unabhängig davon…“. „Ich war lieb zu ihm, kühlte seine Stirn, wir sind noch böse zueinander und ich habe einen Stolz, der mir verbietet ihm näher zu treten…“. „Ich bin nicht mehr seine Fo.“ „Er sagte es ja vor ein paar Tagen klar … an meinem Buche hast du keinen Teil!“. Es sind die Worte einer verzweifelten Frau, die nicht weiß, wie sie ihm helfen kann. Seine Erfahrungen dieser Tage verarbeitet Rheiner im berühmten seiner Texte, dem er den Titel „Kokain“ gibt. In einer Art autobiographischer Manier lässt er einen verkommenen Burschen durch die Nacht Berlins irren, auf der Suche nach dem Glück, getröstet mit Kokain. Hier wird vor allem das Ausmaß deutlich, welches den Dichter längst erreicht zu haben scheint. Denn eines ist ganz klar, diese Worte sind die Worten eines erfahrenen Drogensüchtigen, die keiner Phantasie zu entspringen mögen. Auch wenn er sich nicht explizit als Person dieser Handlung bezeichnet, so ist es genau Rheiner, den man aus diesen Zeilen herausliest. Sein Schicksal, sein Leben. Die Worte sind tief zerreisend, emotional. Das Ende der Geschichte ist ein Selbstmord mit einer Pistole. In den Kopf geschossen, am Ende einer qualvollen Nacht voll Qualen durch den Entzug der Droge. Es ist das gleiche Schicksal, dass auch den Verfasser dieser Zeilen ereilen wird, nur dass er einen sanften Weg sucht. Es scheint als ob Rheiner hier eine Prophezeiung dessen liefert, was mit ihm unweigerlich passieren wird. Dieser Ton lässt sich ebenso aus dem Text herauslesen. Er schreibt in einer Gewissheit, die diese Erzählung genauso abschreckend wie faszinierend wirken lässt. Es sind die Worte eines Toten.

12.6.13

Nietzsche Rezeption in der Moderne

Nietzsche und die Moderne.
Der Philosoph Friedrich Nietzsche erlangte zur Zeit der Jahrhundertwende eine Breite Aufmerksamkeit bei der Gesellschaft. Er war bekannt in den Bereichen Psychologie, Philosophie und Literatur. Um 1900 kann man geradezu von einer Pflichtlektüre Nietzsches sprechen. 
Thomas Mann, Bertolt Brecht, Robert Musil, Franz Kafka, Arthur Schnitzler, Gottfried Benn, alle kannten sie seine Werke. 
Nietzsche erreichte es, dass sich Themen aus Werken wie Also sprach Zarathustra zu regelrechten Kernmotiven der Literatur der Moderne entwickelten. Er predigt den Literaten die Unmoral, das Rauschhafte, den Vitalismus und den berühmten Übermenschen, der nach Macht strebt. Seine Werke haben nicht umsonst Hochkultur in der Moderne. Es sind Themen die den Nerv der Zeit treffen. Und das auch schon vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges. Ein großer Umbruch der gesellschaftlichen und persönlichen Werte hat während der Moderne durch den Pluralismus bedingt begonnen. 

Pluralismus.
Der Pluralismus ist die Erscheinung der Moderne, die ein Legitimationsproblem in der Gesellschaft entstehen ließ. Im Grunde ist der Pluralismus die Möglichkeit, sich gegenseitig teilweise ausschließende Ansichten nebeneinander existieren zu lassen. Es ist also möglich nicht nur eine Geisteshaltung einzunehmen. Man erkennt, dass die Welt eine Vielzahl von Perspektiven annehmen kann, je nachdem welche man wählt, sei es in Normen und Lebenseinstellungen, der Berufswahl, der Moral oder dem Verständnis der Welt an sich. Deshalb spricht man im Zusammenhang mit Nietzsche auch vom Tod Gottes. Sein Nihilismus propagiert eine Sinnlosigkeit des Lebens, das heißt die Frage nach dem eigentlichen Sinn des Lebens wird bereits als sinnlos in Frage gestellt. Vitalismus steht für das Lebensbejahende, das mag zunächst paradox erscheinen, es meint allerdings das Leben als Selbstzweck. Man lebt um zu leben eine Vorstellung wie Religion oder Gedanken über höhere Sinnzusammenhänge finden in dieser Ansicht keinen Platz.
Führt man eine solche weiter, ergibt sich, dass die endlose Zahl an verschiedenen Leben, die man führen könnte und Ansichten und Möglichkeiten wie auch scheinbare Zusammenhänge die sich ergeben, einfach nicht kontrollierbar sind. Es stellt sich die Frage, ob in einem Chaos, das aus willkürlichen Beeinflussungen besteht, überhaupt einen Zusammenhang aufweist. 


Identitätskrise.
Damit gerät die Persönlichkeit eines jeden einzelnen Menschen in die Kritik. Als Vergleich kann man hier erwähnen, dass man einem an Schizophrenie erkrankten Menschen unterstellt, nicht etwa eine Vielzahl neuer Persönlichkeiten herausgebildet zu haben, sondern dass die zahlreichen Persönlichkeitsfacetten, die jeder Mensch besitzt in ein Ungleichgewicht geraten sind, beziehungsweise in nicht mehr kontrollierbar sind. Der Mensch wird dadurch unfähig zu leben. 
In der Moderne gibt es Literaten, die im übertragenden Sinne in jedem Menschen der Moderne eine solche Form des Bewusstseins wiedererkennen. Exemplarisch sollte hier Gottfried Benn erwähnt werden, der mit seiner Arztfigur Rönne (Novellen: Gehirne) eine solche pathologische Lebenseinstellung nachzeichnet. 
Es gibt auch andere Wege diese Unbewusstsein des Sinns literarisch zu verarbeiten. Eine unnachahmliche Ausprägung dieser Darstellung der unbekannten Macht, die alles in der Hand hat, liefert Franz Kafka. In seiner Literatur scheinen die Geheimnisse des Lebens auf einer höheren Macht zu beruhen der wir unterliegen. Nicht im Sinne eines höheren Schöpfers, es ist eher eine Machtlosigkeit des Einzelnen gegenüber allen unbekannten Zusammenhängen, die ihn umgeben. Seine Figuren kämpfen dagegen an, verlieren oder resignieren. Einmal offenbart sich diese Machtlosigkeit gegenüber einer undurchschaubaren Bürokratie (Der Prozess), oder sie sitzt scheinbar in einem unerreichbaren Teil der Welt, der die Geheimnisse weder erkennen noch aufdecken lässt (Das Schloss). 

Der Chandos-Brief
Manche Schriftsteller gehen mit ihrer Skepsis so weit, dass sie an der Sprache an sich zweifeln. Kann die Sprache die Wirklichkeit überhaupt angemessen wiedergeben? Behindert möglicherweise die Erfassung der Welt durch die Sprache unsere Wahrnehmung? Man spricht hier auch von einer aufkommenden Sprachverzweiflung/Sprachskepsis. 
Der Chandos-Brief von Hugo von Hofmannsthal gilt hier als literarisches Zeugnis des Gesamtproblems. Hier führt ein Brief von Francis Bacon an einen Lord Chandos zur Offenbarung der Krise. Ihm sei für sein literarisches Schaffen die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgendetwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen. Ein klagt über ein geistlos und gedankenloses Dasein. 


Sinnkrise in den Strömungen der Literatur
Diese macht sich in zahlreichen Werken der Literatur bemerkbar und nimmt ganz eigene Formen, je nach Strömung an. Die Dadaisten beispielsweise verwenden eine eigentlich Sinnentleerte Sprache durch Form- und Lautgedichte. 
Der Surrealismus beispielsweise ist Einstellung, die sich völlig der Willkür und dem Unbewusstsein hinzugeben scheint. Der Sinn wird hier im Unbewussten des Menschen gesucht. Ein Werk was in diesem Bereich große Aufmerksamkeit erlangt hat, waren die Theorien vom Psychologen Freud zum Unbewussten des Menschen. 
Der Naturalismus sucht die Zusammenhänge in der Natur des Menschen, in der Biologie wie auch den allgemeinen Umständen, die ihn beeinflussen. 
Der Expressionismus setzt sich in einer Weise mit dieser Krise auseinander, die diese Krise immer wieder zum Kernthema macht. Die Sinnlosigkeit wird als Verlust empfunden, aber ebenso als für die Moderne charakteristisch und natürlich. Ein Ventil wie auch Ausdrucksmittel hierfür ist die Form. Vor allem die Lyrik feiert im Expressionismus einen großen Aufstieg. 
In allen entstehenden Strömungen der Literatur experimentiert man mit neuen Perspektiven zur Findung einer neuen, den Umständen adäquaten Ausdrucksform.

Gedicht 1886 - Gottfried Benn

Im folgenden soll das Gedicht "1886" vom Expressionisten Gottfried Benn näher untersucht werden. Unter dem Aspekt auch allgemeingültige Aussagen über seine Lyrik und die der Moderne und dem Expressionismus zu treffen. [Leider kann ich das Gedicht selbst aus Urheberrechtsgründen nicht zur Verfügung stellen]
Das Gedicht von Benn entstand 1944. Zusammengefasst ist es eine Biographie. Die Formgestaltung bedient sich dabei der Collage, einer Form die bis dato in der Lyrik ungewöhnlich ist. Bevor ich auf den Text selbst eingehe, werde ich noch ein paar allgemeine Zusammenhänge und Rahmenbedingungen skizzieren.

Moderne sprengt lyrische Formen
Bis in die Moderne, die etwa um 1900 in Deutschland in der Literatur beginnt, überwiegen klassisches Pathos und strenge Formen die Literatur. Doch bereits der Naturalismus hat damit begonnen neue Formen in die strenge Lyrik vergangener Jahrhunderte einzuführen. Ein absoluter ist hier Arno Holz mit seiner "Revolution der Lyrik". Er forderte eine Annäherung an einen natürlichen Rhythmus der Sprache. Diese Vorstellung liegt beispielsweise der strengen Form des Sonettes fern. Hier werden Metrum, Reim und Strophenzahl streng vorgeschrieben. Man versuchte in der Moderne sich von Formen wie dieser abzuwenden. Die Begründung dafür liegt ihm neuen Lebensgefühl der Moderne. Sie versteht sich als eine vorwärtsgewandte Lebenshaltung, die den absoluten Anspruch an das Leben in der Gegenwart stellt. Konzepte wie die Formsprache des Mittelalters oder der Antike ließen sich damit nicht vereinbaren. 

Neue Formen
So entdeckte die Moderne eine Menge neuer Formen für sich. Man experimentierte und es bildeten sich im Wesentlichen zwei Lager heraus. Die rückwärtsgewandten Renaissancen, die nicht so recht mit der Vergangenheit brechen wollten. Sie versuchten alte Formen in die Gegenwart zu übertragen. Ein Beispiel hierfür sind beispielsweise die Anhänger des Symbolismus. Bei diesem Lager der Autoren handelt es sich zwar dem Inhalt nach um moderne Literatur. Die Form nimmt aber Bezug auf vergangenes. Diese Haltung wurde von den konsequent modernen Autoren verächtlich als Epigonentum bezeichnet. Nach ihrer Ansicht lassen sich Geisteshaltungen der Klassik und Antike nicht mehr in der Moderne nachweisen. Die Folge sei eine Delegitimierung von Form und Inhalt. Eine Literatur, die dies nicht akzeptiere kann damit keine reale sein. Sie verliert sich im Nachhängen an der Vergangenheit. Dies wird unter anderem dem Symbolismus in gewisser Weise vorgeworfen.
Die Avantgarden versuchten stattdessen den absoluten Modernismus auszuleben und alles neue zu probieren. Auch die Form der Collage wie in diesem Gedicht Benns ist ein solcher Ausdruck dieses Modernismus. 

Form Gottfried Benns 1886
Es handelt sich beim Gedichts Benns um ein Montagegedicht. Es setzt sich aus Textteilen einer Zeitung zusammen. Doch die Textteile stehen in keinem willkürlichen Verhältnis zueinander. In ihrer Gesamtheit und Konstellation geben sie die Ereignisse des Geburtsjahres Gottfried Benns wieder. Dadurch, dass Benn diese Texte quasi aus zweiter Hand nimmt, entziehen sie sich der Subjektivität. Was nicht bedeutet, dass sie nicht expressiv sein können. Es handelt sich damit um eine erlebnishafte Schilderung der Umstände um Benns Geburt im Jahr 1886. Der Bruch mit der Vergangenheit ist überdeutlich. Was zuvor als durchkomponiertes Gesamtkunstwerk erstrahle, wird hier auf den Inhalt einer Zeitung reduziert. 
Auffallend ist jedoch der Eingang des Gedichtes. Er beginnt mit der Schilderung allgemeiner Sachverhalte wie dem Wetter. Denkt man hier an die Lyrik des Mittelalters mit ihren Natureingängen in der Minnelyrik so lassen sich möglicherweise Parallelen entdecken. 
Die Leistung ein Gesamtkunstwerk entstehen zu lassen wird in diesem Gedicht scheinbar nicht  mehr vom Autor selbst vollbracht, sondern vom Leser. Er stellt assoziativ und semantisch einen Zusammenhang zwischen den Textzeilen her. Damit steht sich in der Form der Gegensatz von Heterogenität und Homogenität gegenüber. Dabei werden auch Effekte der Ironie erzeugt, wenn bestimmte Zeilen des Gedichtes aufeinander treffen.


Weiteres über Benn
Benn gehört zu den interessantesten Expressionisten der Literatur. Er war einer der wenigen Autoren, die auch nach dem Jahrzehnt des Expressionismus etwa 1910 bis 1920 weiter experimentierten, als andere Autoren die Strömung bereits als ideologisch überholt aufgaben. Er gilt als der Entwickler der "absoluten Prosa". Dabei handelt es sich um eine Verwendung der Sprache, die in der Lage ist sich eigene Konstrukte zu schaffen, eine eigene Welt wenn man so will, in der alles so logisch, geschlossen und widerspruchsfrei ist, wie das Individuum sich dies für den Aufbau einer konsistenten Identität erhofft. Damit ist er einer der Autoren, die sehr aktiv an der Gestaltung moderner Lyrik mitgewirkt haben. Auch im Bereich der Epik, die von Expressionisten relativ selten bearbeitet wurde, gilt er als ein Wegbereiter moderner Erzählkunst. Besonders hervorheben möchte ich die Novellensammlung "Gehirne" auf die möglicherweise noch eingegangen wird.

19.5.13

Moskau - Сергей Александрович Есенин



Mein treuer Hund, du liegst schon unterm Grase. 
Längst unbewohnt, bist du mein Vaterhaus. 
Ja hier, in Moskau, auf der Straße, 
Hauch ich, wenns Gott will, meine Seele aus. 

Ja, ich lieb Moskau, diese Stadt: verquollen.
Und versumpft, nun ja, und matt. 
Moskau, so schläfrig und so golden, 
Wie deine Kuppeln, bist mir Ruhestatt. 

Ich gehe nächtens unterm Monde, 
In seinem Licht wie Teufelsschein, 
und torkle durch die Gasse, die gewohnte. 
In meiner Kneipe kehr ich ein.

Laut geht es zu in meiner Kneipe, 
und nachtlang, bis es Morgen wird, 
les ich den Huren vor, das was ich schreibe, 
mit Gaunern gönne ich mir Sprit.

Mein treuer Hund, du liegst schon unterm Grase. 
Längst unbewohnt, bist du mein Vaterhaus. 
Ja hier, in Moskau, auf der Straße, 
hauch ich, wenns Gott will, meine Seele aus.


Von einem der auszog, in die großen Städte
Dieses Gedicht vom russischen Poeten Есенин (Jessenin) zeigt deutlich die Kluft, die zwischen dem Leben in der Großstadt und dem auf dem Lande klafft. Während das Landleben geprägt ist von Ruhe und Geborgenheit, sammelt das lyrische Ich in dem Gewimmel der Großstadt Moskau Erfahrungen, die fernab seines alten Lebens liegen. Wenn von der Heimat die Rede ist, spricht es vom Vaterhaus, dem treuen Hund und seinen Wurzeln. Doch es verlässt diese Heimat. Im weiteren Verlauf wird die Entscheidung des lyrischen Ichs, diesen Hort zu verlassen, immer unsinniger von Seiten des Lesers. Denn anscheinend erfährt es in Moskau ein Leben, das in seiner Form neuartig ist, aber keine Zukunft hat. Hier wird von Exzess und Rausch berichtet, von Spelunken und Ganoven. Den Reiz den diese Stadt ausstrahlt, scheint überwältigend zu sein. In der zweiten Strophe, die damit beginnt, sie in groben Zügen darzustellen, ist von einer "Ruhestatt" die Rede. Ein Begriff, der zunächst nur implizieren mag, dass es dem lyrischen Ich hier gut geht, weil es davon ausgeht, hier bis zum Ende seines Lebens zu verweilen. 
Die Faszination die von der Stadt ausgeht, mit ihrem Sumpf voll Lastern und Gefahren, ist dabei absurderweise neutral bis positiv konnotiert. In keiner Verszeile ist zu erkennen, dass das Individuum den einhergehenden Verlust der alten Identität, den Tausch von Heimat und Leben gegen Untergang, in irgendeiner Form zu bedauern scheint. Es spricht hier eine Stimme, die man dem Pathos der Jahrhundertwende zur Zeit der Urbanisierung zuordnen kann. Zwar handelt es sich um kein Gedicht des Expressionismus, aber definitiv um einen Vorreiter, was das Gefühl betrifft und natürlich auch in der Wahl des Großstadtmotivs,  das im Expressionismus seinen Ausdruck gefunden hat.

Zum Autor
Auch der Dichter selbst, scheint eine zerrissene Persönlichkeit besessen zu haben. Er starb am 28. Dezember 1925, auf unnatürliche Weise, in einem Moskauer Hotel. Die Umstände seines Todes sind derart zwiespältig, dass sich mittlerweile Mythen rund um seine Person ranken. Das stalinistische Russland war bestrebt, die Umstände seines Todes aufzuklären. Sogar der KGB arbeitete an diesem Fall. Die gesuchten Schuldigen wurden auch gefunden, dennoch lässt die Arbeitsweise, die im roten Russland vom Geheimdienst gepflegt wurde, alle Zweifel offen. 
Der Selbstmord des Autors scheint sehr wahrscheinlich, da er diesen mehr als einmal in seinen Gedichten ankündigte. Dieses und andere Gedichte sind oftmals Zeuge seiner eigenen Biographie geworden. Der Selbstbezug ist groß. Wie in russischer Literatur üblich, wie ich finde, bringen seine Texte viel Leidenschaft und Emotion zum Ausdruck. Diese Eigenschaft, die man den Russen nachsagt, ist geradezu stilisiert worden. Man spricht von der "geheimnisvollen russischen Seele". Selbst in der Forschung der Kulturwissenschaft hat diese These Niederschlag gefunden. Ein russischer Politiker soll mal gesagt haben, der Mythos der russischen Seele sei eine Ausrede zur Rechtfertigung von Melancholie und Trinksucht. 
Nichtsdestotrotz spricht Jessenin eine emotionale und pathetische Sprache, eine die für den deutschen Expressionismus der 20er typisch geworden ist. Ein Aufschrei des Leides und ebenso eine Passivität desselben. Wenn nicht sogar ein aktives Ausleben leidvoller Erfahrungen. Man spricht hier ja auch oft von der Ästhetik des Hässlichen in der Moderne. Denn das Bild, das Jessenin hier zeichnet ist nicht positiv. Es schmerzt ihn, ohne dass er bestrebt ist, dagegen anzukämpfen. 

Wer mehr über den Autor und die näheren Umstände seines Lebens lesen möchte, sollte Planetlyrik besuchen.

Gattaca (1997) - Andrew Nicol

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Leistung und Perfektion.
Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Diese Tatsache dürfte wohl keinem entgangen sein. Wir haben Technik, die uns Aufgaben abnimmt und uns damit noch Leistungsfähiger macht. Gentechnik erwächst zur Normalität, auch wenn möglicherweise noch ethische Bedenken im Weg stehen. Aber wohin kann uns diese Entwicklung führen? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Film Gattaca
Er macht den genetischen Perfektionismus zur Voraussetzung eines "normalen Lebens". Schon vor der Geburt bestimmt man, inwiefern der Mensch biologisch determiniert ist. Damit existieren in dem Sinne keine natürlichen Geburten mehr. Ganz im Sinne der Darwinschen Theorie des Überlebens des Stärksten. Man weiß nicht nur woran du sterben wirst und wann, auch welche Neigungen du hast wie Alkoholismus, sowie Rückschlüsse auf deinen Charakter. Aber ist denn unsere Genetik wirklich so deterministisch? Das weiß bis heute genau genommen niemand. 


genetischer Determinismus?
Die Wissenschaft geht aber davon aus, dass sie uns weit weniger bestimmt, als wir annehmen. Denn sie liefert nur den Grundstein des Lebens, ob jemand an etwas erkrankt oder dergleichen, hängt immer noch davon ab, wie er damit umgeht. Und das ist und bleibt immer noch Willenssache.
Ganz nebenbei ist der Filmtitel Gattaca aus den Buchstaben zusammengesetzt, mit denen man in der Wissenschaft die 4 Bestandteile unserer genetischen Informationen benannt hat. Guanin, Cytosin, Adenosin und Tymin. Natürlich ist das keine zufällige Anspielung.

Die Leistungs-Klassengesellschaft.
Nichtsdestotrotz geht der Film Gattaca das Gedankenspiel des genetischen Perfektionismus einmal durch. Und diese Zukunft schein alles andere als rosig. Denn jemand der auf natürlichem Wege geboren wird, scheidet als zu fehlerhaft aus. Ein Mensch definiert sich nicht, wie in vielleicht der heutigen Gesellschaft, über Bildung und Vermögen. Es sind die Gene, die unseren Stand in der Gesellschaft bestimmen. Eine Klassengesellschaft auf biologischer Basis sozusagen. Was wohl die großen Sozialisten davon gehalten hätten? Denn der Faktor Reichtum und Dekadenz wäre damit abgeschafft. Es zählt die reine Leistung, die du im Laufe deines Lebens erbringen kannst. Und diese wird hier als absolut verstanden. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht.



Totalitarismus.
Denn es besteht immer noch die Möglichkeit aus dem Wettkampf unerwartet auszusteigen. Durch einen Unfall beispielsweise. Jerome Eugene Morrow (Jude Law) verkörpert diese Sorte Mensch im Film. Er ist leistungsfähig, im Sinne der Klassen perfekt, doch er erleidet einen Unfall. Den engagierten Vincent Freeman (Ethan Hawke) hat es schwerer getroffen. Er wurde auf natürlichem Wege geboren und trotz seiner großen Aufopferung gelingt es ihm nicht, ohne Hilfe aufzusteigen. Mit Hilfe von Morrows Identität soll es ihm gelingen, bis in die obere Elite aufzusteigen. Doch das totalitäre System aus genetischer Überwachung hat zahlreiche Sicherheitsbarrieren. Wie soll man seine Identität verschleiern, wenn man sie über kleinste Bestandteile seines Körpers jedem preisgibt? So beginnt eine Jagd zwischen dem System und Freeman, die er nur verlieren kann. Doch es kommt anders, er durchbricht das System mit seinen Engagement und erfüllt sich den Traum Gattaca zu verlassen. Damit wird das System an sich relativiert. Und der zum Anfang des Artikels angesprochene Wille kommt zum Tragen. 

Genre.
Der Film zeichnet damit ein düsteres Bild einer perfektionistischen Gesellschaft und bedient damit das Genre der Dystopie, einem Subgenre der Science-Fiction. Trotzdessen hat die Geschichte des Filmes auf mich sehr plausibel gewirkt. Doch man sollte hoffen, dass es eine düstere Vision bleiben wird. 

16.5.13

Science-Fiction

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Die Science-Fiction ist ein Genre, das aus der Literatur entstanden ist. Und dort hat es bereits eine lange Tradition. Schon die Werke des Romantikers E.T.A Hofmann (1776-1822) werden als Erstlinge des Genres Science-Fiktion angesehen. Bezeichnend ist hier beispielsweise die Erzählung Der Sandmann (1816) indem sich Nathanael in Olimpia verliebt, die sich später als Automat entpuppt. Was E.T.A. Hofmann hier als Automat bezeichnet, wird erst Jahrhunderte später durch den technischen Fortschritt überhaupt erst möglich.
Angefacht wurden die Fantasien Hofmanns beispielsweise durch Erfinden, wie die der Mechaniker Henri Maillardet oder Pierre Jaquet-Droz. Sie gelten als Erfinder der ersten Roboter. Sie konstruierten Puppen, die durch Mechanik in der Lage waren zu schreiben. Diese Erfindungen müssen seinerzeit sehr große Aufmerksamkeit erregt haben.
Die unbestimmte Zukunft, das Unbekannte und Fremde scheint als seither den Menschen zu faszinieren. Und spätestens seit Jules Verne ist ein Genre entstanden, das aus heutiger Sicht kaum noch wegzudenken ist. 
Das Spiel mit dem Möglichen und Unmöglichen lässt alle Barrieren und Grenzen des Denkens verschwinden. Es enstehen Welten, die auf eigenen oder unseren eigenen Gesetzen basieren. 
Auch wenn die Phantastik ein wichtiger Bestandteil des Genres ist, so sind die Welten, die
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darum entstehen uns ähnlicher als man zunächst annehmen mag. Denn eine solche Zukunft wird immer auf dem Grund der Realität oder des Vergangenen konstruiert. Dadurch entstehen witzigerweise Geschichten, denen der Stempel der Zeit in der sie entstanden, stärker aufgedrückt wurde, als die Autoren möglicherweise vermochten. Der fast schon klassische Film Die Zeitmaschine (1960) lässt relativ gut seinen Entstehungszeitraum erkennen. Ein besseres Beispiel ist vielleicht die Filmreihe Zurück in die Zukunft (1985-1990). In diesen Filmen, in denen es sich primär um das Reisen durch die Zeit dreht, ist es doch erstaunlich, wie stark die Zukunft den 80er-Jahren ähnelt. 
Das ist ganz natürlich. Denn wie soll man es sich etwas vorstellen können, dass es noch nie gegeben hat. In keiner Form. So ist die Science-Fiction auch immer ein Kind ihrer Zeit und der aktuellen Probleme. Sie nimmt die Funktion eines Spiegels ein, in dem man weiterdenkt und konstruiert. Eine Was-wäre-wenn-Situation. Dies macht unter anderem eine Komponente der Science-Fiction aus.
Die Möglichkeiten in diesem Bereich sind vielfältig, wenn nicht sogar unendlich. Denn das macht schließlich das Genre aus. Dennoch versucht man, die Science-Fiction zu kategorisieren. Dabei haben sich im Wesentlichen folgende grobe Strukturen herausgebildet:
Neben der erwähnten Zuspitzung von aktuellen Verhältnissen existieren weitere Wege das Zukünftige zu konstruieren. Ein häufiger, der wohl möglich den meisten sofort einfallen würde, ist die Begegnung mit außerirdischem Leben. Doch auch dies ist im Grunde genommen eine Vorstellung, die wahrscheinlich erst durch das Möglichwerden der Raumfahrt entstanden ist. Im selben Bereich bewegen sich auch Reisen ins All und oder das Entdecken neuen Lebens, statt der Invasion. Beispiele gibt es zahlreiche, wie The Abyss (1989) oder 2001: Odyssee im Weltraum (1968).
Eine weitere Variante, die aus heutiger Sicht ebenso an Beliebtheit gewonnen hat, ist der Prometheus-Topos, die Vorstellung eines Übermenschen. Wie der Begriff deutlich macht, ist dies eine sehr alte Vorstellung. Sie existiert bereits seit der Antike und ist Teil der antiken Mythologie und wurde seither in mannigfacher Weise verarbeitet. In diese Sparte ist beispielsweise E.T.A. Hofmanns Der Sandmann einzuordnen. In der Antike waren die Übermenschen Helden von göttlichem Ausmaß, die sich der Natur scheinbar entheben und unglaubliches schaffen. Heute treten diese Übermenschen zumeist in Form von Robotern oder Mischwesen aus Mensch und Maschine in Erscheinung. Der Cyberpunk, ein Subgenre der Science-Fiction widmet sich ausgiebig den Themen der Grenzauflösung von Mensch, Maschine und Technik. 
Eine weitere Spielart der Science-Fiction sind Untergangsszenarien. Und auch hier lassen sich Realbeispiele zur Genüge finden. Natürlich ist diese Variante von der Realität, makabrerweise inspiriert. Denn die Angst der Menschen, sei es vor dem Fremden, oder wie im Falle des Krieges, dem Bekannten, ist eine unerschöpfliche Quelle von Untergangsszenarien. 
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Die letzte Kategorie sind wie angedeutet Zeitreisen. Sie sind von der Wissenschaft angeregt. Aber auch vom Wunsch der Menschen, alles kontrollieren und beeinflussen zu können. Möglicherweise wieder ein Hinweis auf den Prometheus-Komplex, der Teil unseres Antriebs ist. Denn Zeitreisen gehören ebenfalls zum Urgestein der Science-Fiction und begeistern seit jeher das Publikum. 
Es geht also bei der Science-Fiction um das Fremde, das Kontrafaktische, das Faszinierende. Dabei erhebt der Zuschauer oder Leser den Anspruch überzeugt zu werden und eintauchen zu können. Die Welt darf, oder soll unrealistisch sein, muss aber in ihrer Art und Weise überzeugen. Die konstruierte Realität muss sich beweisen, als existiere sie wirklich. Im Film wird hier mit allerlei Tricks gearbeitet. Wo man in den 70ern noch mit Modellen und Miniaturen wie in Star Wars: Krieg der Sterne (1978) arbeitete, setzt man heute auf computergestütze Effekte und 3D-Animation. Ohne Special-Effects kommt heute keine Film mehr aus. Dadurch werden oftmals noch vielfältigere Gedankenspiele möglich, die sich zudem noch visuell abbilden lass und damit noch mehr das Eintauchen in die Fremde ermöglichen. 
Doch so fremd diese Geschichten auch immer auf uns wirken mögen. Sie sind immer Teil unserer aktuellen Probleme und verkörpern den Zeitgeist. Ihr Bezug dazu öffnet nicht selten eine philosopische Komponente, die es erlaubt mit einem Abstand aus einer fremden Welt auf unsere zu blicken.